Schneller lesen – Wahrnehmung auf Speed.

Schneller lesen! Das klingt wie „Schöner Wohnen“. Verlockend. Verheißungsvoll. Verdammt wichtig in einer Zeit des Überangebots an Information. In einer Zeit, in der jeder meint, das sich stets vervielfachende Wissen mit seinem Netz aus Neuronen einfangen zu müssen. Nächster Gedanke: Schnelleseprogramm kaufen. Wer schneller liest, kriegt mehr rein. Und dann ist schon fast egal, ob der Inhalt hilft. Man hat ja beim Lesen Zeit gespart. Texte auf Speed.

Die Frage aus Sicht der Forschung ist dabei: taugt das wirklich als Rettungsring gegen den Untergang in der Informationsflut? Manche Programme bieten für die eigene Wirksamkeit Studien über Alpha- und Betawellen im Gehirn. Andere überzeugen mit begeisterten Kundenstimmen. Doch was ist dran? Die Antwort für den ungeduldigen Schnellleser: nicht viel.

Die Psychologin Elisabeth Schotter von der University of California in San Diego hat tiefer gegraben. Das Ergebnis: eine wissenschaftlichen Standards genügende Übersichtsarbeit. Die wichtigsten Ergebnisse kurz zusammen gefasst:

SCHNELLER VERSTEHEN?

Vielleser kommen auch ohne Training auf ein Tempo zwischen 200 und 400 Wörtern. Wenn Sie das, sagen wir, verdoppeln möchten, verlieren Sie grundsätzlich den inhaltlichen Tiefgang. Schnelllesen geht in den meisten Fällen zu Lasten des Textverständnisses.

Die Erforschung von Lesefehlern zeigt klar: wir erfassen nicht jedes Wort genau. Aber… Großes Aber! Es ist die Abfolge der Buchstaben, die unser Lesetempo bestimmt. Nun deuten einige Experimente darauf hin, dass wir ein bekanntes Wort in der Regel als Ganzes wahrnehmen: das Wort als Gestalt, als Summe seiner Teile und nicht die einzelnen Buchstaben.

Denis Pelli und Katharine Tillman von der New York University schauten noch genauer hin. Sie testeten die Varianten „Buchstabenfolge“, „Form“ und „Kontext“ als mögliche Prädiktoren der Lesegeschwindigkeit. Das können Sie sich so vorstellen: Sie haben einen einfachen Satz „In der Disco geht die Post ab“ und der wird dann manipuliert in

  1. Wortdreher „Ab In Post geht der Disco die“
  2. Groß- und Kleinschreibung „iN DeR dIScO GeHt dIE pOsT aB“
  3. Gestaltwahrung „Im dar Dizco gaht dia Pöst ab“

d. Kombinationen aus a, b und c „iM DaR dIZcO GaHt dIA pÖsT aB“

Im Original verwursteten die Kollegen allerdings eine Krimigeschichte von Mary Higgins Clark. Was war das Ergebnis? 62% des Lesetempos hängt von der Buchstabenfolge ab. Selbst bei erfahrenen Lesern ist der Kontext mir 22% nachgeordnet, wenn es um das Lesen geht. Und an letzter Stelle erst kommt die Wortgestalt. Also: die richtige Buchstabenfolge ist entscheidend. Nicht die Gestalt des Wortes. Das richtet den Fokus auf das nächste wichtige Forschungsergebnis.

DIE AUGEN AUSTRICKSEN?

. das Aufheben der Geschwindigkeitsbegrenzung durch die Augenbewegungen z.B. hilft allen deswegen schon wenig, weil die nur 10 Prozent der Lesezeit ausmacht. Auch verhindert es, dass wir im Text zurück springen, um Verständnislücken zu füllen. auch der Versuch, einfach mehr Infos mit einem Blick zu erfasssen funktioniert daher nicht. Informationen, die uns über das periphere Sichtfeld erreichen, bleiben viel schlechter hängen. Dafür ist dieser Teil des Sehens aus gar nicht gemacht.

FAZIT SORGFÄLTIG LESEN

Wer seine Lesefähigkeiten trainieren will, muss schlicht das Lesen trainieren. Der Umgang mit verschiedensten Texten erhöht die Worterkennung und das Satzverständnis.

LÖSUNG FÜR GEZIELTES LESEN

Einer der sichersten Techniken: wenn Sie wirklich wert auf hohe Geschwindigkeit legen, vertrauen Sie auf die PQ4R-Methode. Sie stammt aus der kognitiven Psychologie. Ist mindestens dreißig Jahre alt. Und wirkt Wunder:

1.Preview / Überblick (das Überfliegen des Materials für einen ersten Überblick);

2.Questions/Fragen (die Formulierung von Fragen, die durch das Lesen beantwortet werden sollen);

3. Read / Lesen (nun erst lesen Sie die Abschnitte, die Ihre Fragen beantworten – und eben nicht das ganze Buch);

4. Reflect / Nachdenken (denken Sie darüber nach, suchen Sie Beispiele);

5. Recite / Wiedergeben (fassen Sie das Verstandene in eigene Worte);

6. Review/ Überprüfen (schauen Sie an den Stellen nach, bei denen Sie unsicher waren).

Besonders die Schritte 1 bis 4 helfen, die Informationsmenge drastisch und sinnvoll zu reduzieren. Der Erfolg verdankt sich dabei der Art, wie das Gehirn die Informationen strukturiert und elaboriert. Also: statt schneller lesen, gezielter lesen. Das ist der wahre Freischwimmer in der Infoflut.

Quellen:

Wong et al (2011) Holistic Processing of Words Modulated by Reading Experience

Schotter, E. (2014) Don’t Believe What You Read (Only Once): Comprehension Is Supported by Regressions During Reading.

Naughton (2016) Denken lernen.