Selbstkontrolle kennt keine Marshmellows

Das Seminarmärchen

Falls Ihnen ein Seminarleiter oder Vortragsredner mit dieser schönen Geschichte kommt:

“Kleine Kinder, die es schaffen, auf vor ihnen liegende Marshmallows – oder andere Süßigkeiten – zu verzichten, um später umso von denen zu bekommen, sind später auch die mit dem besseren beruflichen Erfolg, weniger Drogenproblemen, generell dem besseren Leben”  – dann, ja dann, können Sie beherzt mit dem Kopf schütteln. Willensstärke pur! Genau das, was wir im 21. Jahrhundert für unseren Erfolg brauchen. Alles nix, oder? Was ist passiert

Der original Marshmallow Test

Zwar legte das klassische Experimente des späteren Stanford-Psychologen Walter Mischel und seiner Kollegen den Effekt der Willensstärke nahe und erste Nachfolgestudien schienen es zu bestätigen. Doch das Märchen mit der Früherkennung der Selbstkontrolle scheint auserzählt.

Tyler Watts hat das Abschluss-Kapitel geschrieben: er hat den Versuch mit 900 Kindern repliziert. Er testete die Kinder mit 4,5 Jahren, dann später mit 15 Jahren. Das Ergebnis: eine Korrelationen von .30. Das ist äußert schwach. Süßigkeiten widerstehen ist eben doch etwas anderes, als Mathe- und Sprachkompetenz. Der Marshmallow-Test scheint passé. Die frühkindliche Fähigkeit zum Belohnungsaufschub sagt wenig über späteren Leistungen aus. Wenn Faktoren wie Familie und soziales Umfeld herausgerechnet wurden, bliebt nichts mehr über. Nur eines bleibt bestehen: wer mit 4,5 Jahren zu viele Marshallows ist, dem wird schlecht.