Zukunftsmut-Unsicherheitsintelligenz

Gerade ging ich die Informationen für die Unterstützung von Selbstständigen in Hessen auf den offiziellen Seiten des Bundeslandes durch. Anstatt „antragsleitende Stelle“ las ich aber „angsttreibende Stelle“. Das zeigt deutlich: Die Unsicherheit sitzt tief.

Während zwar die erste, berechtigte Welle der Dankbarkeit über Deutschland schwappt, erleben viele uns, neben den Wellenkämmen des positiven Austauschs, immer wieder emotionale Wellentäler. Aufträge werden bis in den Juni hinein storniert, neue zeichnen sich nicht ab.

Und trotzdem arbeiten viele von uns jetzt härter als zu ihren besten Zeiten, weil wir an allen Ecken und Enden nach Geschäftsideen, oder kleiner, nach Chancen für den entlohnbaren Einsatz unserer Fähigkeiten und Fertigkeiten suchen.

Wir dürsten dabei nach den positiven Szenarien von Zukunftsforscher Matthias Horx und finden uns doch aktuell so gar nicht darin wieder. Häufig beschäftigen uns dagegen negative Gedanken und Gefühle im Jetzt. Kollegen rund um Steven Hayes aus den USA zeigten 2004, dass wir in solchen Momenten diese Gefühle und Gedanken kontrollieren oder wegdrücken. Sie zeigen auch: das funktioniert nicht. Das Ungewollte kommt mit noch stärkerer Wucht zurück. Sich in der Unwägbarkeit einigermaßen stabil zu bewegen, bedarf eines sehr versierten Umgangs mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Darum dreht sich dieses Tool: Unsicherheitsintelligenz im Umgang mit den Gedanken und Gefühlen im Wellental.

Wie funktioniert es? Mit einem Tool der Psychologischen Flexibilität, das Russ Harris uns in der Ausbildung nahegebracht hat.

  1. Das Schöne im Leben. Stellen Sie sich kurz Folgendes vor: Direkt vor Ihnen sehen Sie all das, was Ihnen wichtig ist, was Ihr Leben besonders, sinnvoll und wertvoll macht – die Menschen, die Orte, die Musik, die beruflichen Tätigkeiten, die Sie gerne ausführen. 
  2. Die Sammlung. Nun nehmen Sie sich ein DIN-A4-Blatt. Schreiben Sie darauf Ihre Gefühle und Gedanken nieder, die Sie als nicht angenehm, als störend empfinden. 
  3. Der blockierte Blick. Halten Sie nun dieses Blatt direkt vor Ihre Augen. Können Sie nun noch das Schöne sehen? Nein. Die Sammlung an Unschönem verstellt Ihnen den Blick. 
  4. Der Push-Faktor. Strecken Sie nun die Arme, mit denen Sie das Papier halten, nach vorne. Schieben Sie die Sammlung an Unangenehmem und Störendem von sich weg, soweit Ihre Arme reichen. Jetzt könnten Sie mit ein bisschen Anstrengung um das Papier herum schauen und das Schöne wieder entdecken. Aber so langsam werden die Arme lahm, nicht wahr. Es kostet echt viel Kraft, das Unschöne auf Abstand zu halten. Das machen wir aber meistens. Und es funktioniert nicht. So wie sich unsere Arme nach einer Weile des Weghaltens anfühlen, fühlen wir uns, wenn wir Dinge im Alltag wegdrücken.
  5. Der freie Fokus. Nun legen Sie das Blatt auf Ihre Knie. Haben Sie nun einen freien Blick? Entspannen sich Ihre Schultern? Sie haben die Sammlung an Unschönem nicht zerknüllt, nicht weggeworfen, sie ist noch da. So wie im alltäglichen Leben. Aber sie verstellt Ihnen nicht mehr den Blick. Sie verlangt Ihnen keinen Kraftakt ab. Nun können Sie Ihre Arme und Hände wieder frei bewegen. Die Sammlung an Unschönem ist noch da, Sie können sich das bewusst machen. Aber Sie haben eine andere Art des Umgangs damit gefunden. Sie brauchen sie auch nicht mit aller Kraft zu ignorieren, denn das Unschöne ist Teil der Realität. Aber es liegt in Ihrer Hand, worauf Sie sich fokussieren. Haben Sie die Sammlung aus Ihrem Fokus genommen, können Sie wieder mehr Energie darauf verwenden, die Herausforderungen anzugehen. Sie haben die Energie und die Kraft, um sich dem zu widmen.

Diese Technik der „Psychologischen Flexibilität“ ist keine Mentalmagie. Sie ist ein Weg raus aus einem Auf und Ab zwischen den schönen, guten und hilfreichen Gedanken und den weniger schönen und weniger hilfreichen. Wann immer wir merken, dass diese sich in unser Sichtfeld schieben, hilft es, die „Pushing-Paper“-Übung einzubauen, um a) den Blick zu klären und b) sich zu vergegenwärtigen, dass wir das Unschöne nicht wegdrücken müssen, sondern es bewusst bei uns ruhen lassen.

Das ist der Anfang von mehr Zukunftsmut

Quellen:

Hayes, S. C., Follette, V. M., & Linehan, M. M. (Eds.). (2004). Mindfulness and acceptance: Expanding the cognitive-behavioral tradition. New York, NY: Guilford Press. 

Ciarrochi, J., Kashdan, T. B., & Harris, R. (2013). The foundations of flourishing. In T. B. Kashdan & J. Ciarrochi (Eds.), The Context Press mindfulness and acceptance practica series. Mindfulness, acceptance, and positive psychology: The seven foundations of well-being (p. 1–29). Context Press/New Harbinger Publications.

Bitte denken Sie daran: Diese Technik beinhaltet körperliche Aktivität. Auch wenn diese nicht umfassend ist, können Menschen, deren Nacken, Rückgrat oder Schultern nicht ganz gesund sind, dies als sehr anstrengend erleben.